Lemgo? Wer nicht aus NRW kommt, wird jetzt vermutlich mit den Schultern zucken. Denn die historische Kleinstadt in Ostwestfalen-Lippe ist von den Touristenströmen bisher übersehen worden. Dabei gibt es gute Gründe, Lemgo zu besuchen. Die Stadt ist ein Paradebeispiel für die wunderschöne „Weserrenaissance“. Der zweite Grund ist weniger schön: Lemgo war ein Zentrum der Hexenverfolgung. Hunderte Menschen wurden hier verbrannt. Der dritte Grund ist wiederum absolut faszinierend. Denn in Lemgo steht ein legendenumwobenes „Geisterhaus“. Wer Lust hat, sich ein wenig zu gruseln und en passant zu bilden, wird in Lemgo – Hexen, Geister und grausame Menschen finden.

Lemgo – Hexen, die überführt wurden
Nach dem 30-Jährigen Krieg (1618-1648) führten Armut und Aberglauben vielerorts zu Hexenverfolgungen. Allerdings brachten es nur wenige Orte zu so trauriger Berühmtheit wie Lemgo. Urkunden zufolge wurden in der Stadt über 200 Menschen, vorrangig Frauen, aber auch Männer, der Zauberei „überführt“ und grausam hingerichtet. Als besonders erbarmungslos in der Verfolgung von „Hexen“ zeigte sich Hermann Cothmann, der über lange Jahre Bürgermeister in Lemgo war. Historiker gehen heute davon aus, dass Cothmann sich durch die vielen Verurteilungen persönlich bereicherte und auf diesem Wege unliebsame Gegner ausschaltete.

Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo
Der grausame Bürgermeister lebte während seiner Amtszeit (1667 – 1683) in einem der schönsten Kaufmannshäuser der Stadt. Heute ist es mit seiner reich verzierten Fassade ein bedeutendes Denkmal der Weserrenaissance und zugleich ein Museum. Eine Dauerausstellung erinnert an die Zeit der Hexenverfolgung und im Keller des Museums könnt ihr Folterinstrumente sehen, die zur Erzwingung eines Geständnisses eingesetzt wurden. Einige von ihnen wurden von den Erben einer örtlichen Scharfrichterfamilie gestiftet und sind somit authentisch. Mir ist hier mehr als ein Schauder über den Rücken gelaufen.

Die wunderschöne Weserrenaissance
Nach dem Museumskeller ist die architektonische Schönheit der Stadt eine willkommene Abwechslung. Im 16. und 17. Jahrhunderts herrschte in Europa der Renaissance-Stil vor und im Weserraum hat er zu besonders vielen, besonders schönen Bauten geführt: Überall in Lemgo findet ihr prachtvolle Bauten der Epoche.

Die Kleinstadt wurde im zweiten Weltkrieg nicht zerstört und so ist der städtebauliche Gesamtcharakter bis heute erhalten geblieben. Architekturfreunde können im historischen Stadtkern Dutzende prachtvolle Kaufmanns- und Handwerkerhäuser aus Spätgotik und Renaissance bewundern: etwa die „Neustädter Zwillinge“ – zwei nebeneinander stehende Häuser mitweitgehend identischen Verzierungen. Und das Rathaus der Stadt, das in die UNESCO-Liste der Kunstwerke von europäischem Rang aufgenommen wurde.

Auch interessant: Nicht nur Lemgo ist ein architektonisches Kleinod – hier stelle ich die schönsten historischen Stadt- und Ortskerne in NRW vor.
Lemgo – Hexen und das „Geisterhaus“
Und jetzt wird es wieder gruselig. Unheimlich. Schizophren. Verwirrend. Aber auch faszinierend, einzigartig und künstlerisch bedeutsam – all diese Begriffe passen auf das Junkerhaus in Lemgo. Benannt nach seinem Erbauer Karl Junker, ist das Junkerhaus fraglos eines der ungewöhnlichsten Häuser NRWs, wenn nicht Deutschlands.

In den 1950er Jahren wurde das Junkerhaus in Boulevard-Blättern als Geisterhaus beschrieben. Und zu Lebzeiten Karl Junkers, der von 1891 bis 1912 im ostwestfälischen Lemgo lebte, vermieden Nachbarn jeden Kontakt mit dem Eigenbrödler. Nach seinem Tod fand sich weit und breit kein Käufer für das Anwesen. Dabei wirkt das Haus auf den ersten Blick märchenhaft. Umgeben von einem blühenden Margaritenfeld steht es auf einer kleinen Anhöhe. Die Fassade des zweistöckigen Fachwerkhauses ist komplett mit kunstvollen Schnitzereien und Ornamenten versehen. Runde Fenster und farbige Elemente verleihen dem Anwesen sogar etwas Spielerisches.
Trauer, die im Junkerhaus aus den Wänden kommt
Doch das Märchenhafte, Leichte verschwindet sofort, wenn ihr das Junkerhaus betretet. Es erscheint dunkel und düster. Selbst wer zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der traurigen Lebensgeschichte Karl Junkers weiß, fühlt sich seltsam bedrückt. Mutet die untere Etage doch wie eine Höhle an. Eine Höhle, die obsessiv bearbeitet wurde: Buchstäblich jeder Quadratzentimeter der Räume ist mit filigranen Schnitzereien versehen. Auch vor der Toilette hat Junkers Gestaltungswut nicht halt gemacht. Das Gleiche gilt für die Möbel des Hauses, die der Sonderling ebenfalls selbst schnitzte, und die eher Skulpturen als Gebrauchsgegenstände sind. Wer das Gesamtkunstwerk aus Möbeln und Haus betrachtet, fragt sich unwillkürlich, wie viel Zeit Karl Junker darauf verwendet haben muss. Und wo er die ungeheure Energie für diesen Kraftakt hernahm.

Unerwiderte Liebe
Der Legende nach war es eine unglückliche Liebe und die Zurückweisung seiner Mitmenschen, die den Künstler antrieb. Zeit seines Lebens soll er auf eine geliebte Frau gewartet haben, für die er das Haus erbaute – inklusive eines Kinderzimmers. Doch die Frau erschien niemals. Und die Menschen mieden Junker und feindeten ihn an, je mehr der Bau voranschritt. Schließlich starb er einsam und isoliert 1912 im selbst geschaffenen Kunstwerk. Junkers Emotionen müssen eine enorme Kraft besessen haben, denn auch 100 Jahre später äußern viele Besucher, dass sie von dem Haus seltsam berührt werden. Mittlerweile hat sich für das Junkerhaus der Begriff „Art Brut“ durchgesetzt. Damit wird Außenseiterkunst bezeichnet, die sich jeder gängigen Kategorisierung entzieht.
Robert meint
Lemgo ist wirklich ein Juwel der Weserrenaissance. Um das Junkerhaus ranken sich viele Legenden, u.a. die Version, dass seine Geliebt in die Niederlande gereist sei und er zeitlebens vergeblich auf ihre versprochene Rückkehr gewartet habe. In der Zeit hat er aus Verzweiflung – wie hier beschrieben – das Haus geschnitzt. Wenn ihr mal da seid, schaut Euch auch das Weserrenaissance-Schloss Brake mit seinem Museum an. Dort liegen zwei orignal erhaltene Weserkähne aus dem 16. Jahrhundert. Das war die Zeit, als die Weserrenaissance entstand. Die Region war damals sehr reich geworden u.a.,weil sie Sandstein die Weser hinunter nach halb Europa exportierte. In der ehemaligen Ratswaage am Marktplatz (siehe Foto hier im Beitrag) serviert jetzt das „Stadtlicht“ exzellentes Essen, für mich eines der besten Lokale hier in der Region (nein, ich bekomme von denen leider keine Provision ;-))
Michaela Metcalfe meint
Wir waren im Sommer da, ist einfach eine wunderschöne Stadt, haben eine tolle Spontanführung in der Kirche am Busbahnhof gehabt und die Kaffeeküche sollte man besuchen, war sehr gutes Essen.
Antje meint
Ja, Lemgo beweist eindrucksvoll, wie viele spannende, schöne und ungewöhnliche Orte NRW zu bieten hat. Und die Kaffeeküche steht für meinen nächsten Besuch bereits auf der Agenda… 😉